Textup Lilian Kura

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Sinn und Unsinn - "Recht"schreibung zurück

Kaum ein Thema hat in den letzten Jahren die sprachästhetischen Gemüter (auch meines) mehr erregt als die von manchen viel gerühmte, von den meisten viel gehasste und immer wieder hoffnungslos verteidigte Rechtschreibreform. Der an sich rühmliche Grundgedanke, Rechtschreibanfängern und Ausländern das Erlernen unserer schönen, aber unbestritten schweren deutschen Sprache zu erleichtern, erwies sich bald als im Rahmen der Reform nicht realisierbar. Statt sich mit einigen einleuchtenden Vereinfachungen („potenziell“ zu schreiben, wo das Wort doch von „Potenz“ abstammt, mag zwar ungewohnt aussehen, ist aber – zugegeben - eine echte Erleichterung) zu begnügen, bläht die DUDEN-Kommission das ohnehin gewaltige Regelwerk um noch weitere und absolut uneinsehbare Vorschriften auf. Zu nennen wären hier die Trennungsvorschläge, die zu gar abenteuerlichen Dingen führen wie „Lust-ration“, „De-oroller“ oder „Berga-horn“, genauso wie die willkürliche Zusammen- oder Auseinanderschreibung bei vielerlei zusammengesetzten Verben und Partizipien („Schwindel erregend“, bei Steigerung jedoch obligatorisch „schwindelerregender“!). Es könnte lustig wirken, wenn nicht jeder von uns täglich davon so traurig betroffen wäre. Nicht einmal die Herausgeber der Wörterbücher sind untereinander einig, was denn jetzt wie geschrieben werden muss, kann oder soll. An die amtliche Regelung hat sich übrigens kein einziger Verlag und keine einzige Nachrichtenagentur 100%-ig gehalten. Wo es selbst den eingefleischtesten Kommissionsmitgliedern zu bunt wurde, hat man sich halt eine eigene Regel geschnitzt oder die amtliche Vorschrift einfach stillschweigend unter den Tisch fallen lassen. Während der Widerstand tobt und mehr als 90% der Bevölkerung sich für eine Rücknahme der Reform aussprechen, rauchen in Unternehmen, Werbeagenturen und Verlagen die Köpfe, wie denn das neue Dickicht zu lüften sei. So ganz hält sich niemand an den neuen DUDEN, denn irgendeine der neuen Bestimmungen stößt jedem sauer auf. Wer will schon das altgewohnte großgeschriebene „Du“ im Brief fallen lassen, „Sie“ aber weiterhin groß schreiben (jedenfalls nicht unsere größte Nachrichtenagentur dpa, denn sie schließt diesen Fall empört aus uns lässt eine Ausnahmeregel gelten)? Ist denn der vom Schreiber Geduzte weniger wert als der Gesiezte? Und was soll das mit der Aufhebung des scharfen „s“ bei „das/daß“? Die Regeln für die Verwendung des neuen „dass“ sind die gleichen, übrigens extrem einfach erlernbaren und einleuchtenden geblieben. Wozu also diese Neuschaffung? Untersuchungen bei Grundschülern haben ergeben, dass seit Einführung der neuen Regeln die Fehlerrate in diesem Bereich sogar noch angestiegen ist - kein Wunder, denn selbst wenn man korrekt „dass“ schreiben wollte ... wie schnell ist ein einzelnes „s“ dann doch vergessen?

Die vielköpfige Kommission, die seit Jahren an der Reform arbeitet, hat eines mit untrüglicher Sicherheit geschafft: ein noch undurchdringlicheres Dickicht von Regelungen, die teilweise den elementarsten Grammatikgrundsätzen widersprechen, teilweise aber - was ich noch schlimmer finde - dort Fehlerquellen schaffen, wo vorher keine waren. Einer der größten und aktivsten Gegner der Rechtschreibreform, der Sprachwissenschaftler Theodor Ickler, versucht sich in seinem „Rechtschreibwörterbuch“ als Reformer der Reform. Die absolut unmöglichsten Neuregelungen boykottiert er strikt, gleicht sanft an, wo es nicht ganz so schlimm ist, und wagt sich auch mit ein paar ganz neuen Ideen aufs Schlachtfeld. An sich genau das, was ich sehnsüchtig erwartet hatte ... und dann war´s das doch wieder nicht. Genau wie DUDEN & Co. bietet Ickler viel zu viele Varianten an, zwischen denen man sich entscheiden muss. Ich erteile Herrn Prof. Dr. Kürschner aus Vechta das Wort - er schreibt in seiner Online-Rezension über o.g. Werk bei buecher.de: „Ickler gibt sich nach außen als ihr Verbündeter und Wortführer (so auch in der WELT, etwa vom 25. Juli 2000) - nach innen handelt er als Reformer, ja als Radikalreformer, dessen Schreibvorschläge das von den Reformgegnern so genannte „Rechtschreibchaos“, die so genannte „Beliebigkeitsschreibung“ ins Unermessliche treiben würden, wenn sie denn zur Norm würden.“ Was soll ich dem noch hinzufügen ... ?

Sicher fragen Sie sich jetzt, wie ich selbst bei der Neuverfassung eigener und der Korrektur fremder Texte verfahre. Ich verschone Sie mit ellenlangen Listen, die Sie sowieso überall zur Genüge finden. Eine „Hausorthographie“ zu entwickeln und meine Kunden darauf festzulegen, fände ich anmaßend. Auch verweise ich nicht stur auf die amtliche Regelung, sprich: den neuen DUDEN, denn dieses Wörterverzeichnis ist zur Wahrung einer einheitlichen Schreibweise schlicht ungeeignet, weil es eine solche Vielzahl von Varianten zulässt, dass es das (vorher nicht vorhandene) Chaos perfekt macht... Vielmehr halte ich mich an das einzig wahre „schlanke“ Regelwerk – das „DUDEN Praxiswörterbuch zur neuen Rechtschreibung“ (Duden-Verlag, DM 24,80, ISBN 3-411-70611-2). Für Unternehmen, die eine einheitliche Schreibung sicher stellen wollen/müssen, kann ich diese probate Methode sehr empfehlen.
Doch auch ich habe meinen Stolz und - vor allem! -  ein ausgeprägtes Sprachgefühl, welches von manchen der neuen Regeln schier beleidigt wird. Deshalb hier eine Mini-Liste meiner persönlichen Ausnahmen. (In von mir verfassten Texten werde ich nach dieser Liste arbeiten; bei der Korrektur fremder Texte halte ich mich streng an das Praxiswörterbuch, sofern man nichts anderes von mir verlangt.)

Groß- und Kleinschreibung:
Du, Dir, Dein, Dich
(genau so wie Ihr, Euer, Euch in Briefen als Anrede und statt der amtlich gewollten klein geschriebenen Variante!)

Begriffe aus anderen Sprachen: Worte aus lebenden Sprachen (Englisch, Französisch etc.) deutsche ich nicht ein!

Ketchup (nicht „Ketschup“)
Portemonnaie (nicht „Portmonee“)
Spaghetti (nicht „Spagetti“)
Orthographie (!!!)

Zahlwörter:
Ich bleibe dabei, die Ziffern von eins bis zwölf als Wort zu schreiben!

Feststehende Begriffe: Begriffe, die quasi den Stellenwert von Eigennamen errungen haben, schreibe ich weiterhin grundsätzlich groß. Als da wären:
das Schwarze Brett
die Erste Hilfe
der Stille Ozean
der Zweite Weltkrieg
etc.

Abkürzungen: Der DUDEN sieht bei Abkürzungen, die mit Punkten versehen sind, einen sog. „Festabstand“ vor, der größenmäßig irgendwo zwischen Blank (Wortzwischenraum) und Nicht-Blank liegt. Da das  - salopp gesagt - ziemlich bescheuert aussieht und auf normalen PC-Tatstaturen nur mit einer umständlichen Formatierungsaktion zu bewerkstelligen ist, verwende ich weiterhin die Varianten ohne Abstand.

z.B. für „zum Beispiel“ (statt „z. B.“)
u.a. für „unter anderem“ (statt „u. a.“)
a.D. für „außer Dienst“ (statt „a. D.“)
u.v.m. für “und vieles mehr” (statt “u. v. m.“)
p.P. für „pro Person“ (statt „p. P.“) 

Zusammenfassen möchte ich das ganze Chaos in einem Satz: Reformer, lasst endlich die Leute ran, die von Sprache 1. etwas verstehen und 2. dabei wirklich eine Erleichterung im Sinn haben - nicht eine „Verdummung“ der ABC-Schützen, denen ja geradezu ein „Freibrief“ in Sachen Fehlermachen erteilt wird...

 

 
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