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Sinn und Unsinn - Lese-Tipp zurück

Colin Bowles: “Windeln, Brei und lange Nächte”
(Droemer Knaur Verlag, DM 12,00. ISBN 3-426-72202-X)

Geschichte: Die "neuen Väter" oder die, die es tatsächlich! freiwillig! werden wollen, sind die Zielgruppe dieses - nun, nennen wir es "Nachschlagewerkes". Wer sich nach dieser Lektüre noch auf seinen triefenden, schniefenden Nachwuchs freut, kann ebenso bequem auf einem Nagelbrett Platz nehmen. Nichtsdestotrotz stellt das Buch eine wertvolle Hilfe zur schnellen Desillusionierung all jener dar, die immer noch meinen, mit einem Säugling zöge Freude, Fröhlichkeit und Wohlgeruch in die Wohnung ein.

Warum es mir gefiel: Colin Bowles besticht durch definitiv authentische Erzählungen, die er "manchmal" ein "klitzekleines bisschen" übertreibt. Er umschreibt mit ungeheurem Wortwitz den ganz alltäglichen Wahnsinn, wie er in der ganz normalen Durchschnittsfamilie eben herrscht. Bei aller Bissigkeit fehlt jedoch nie die verschämte Zärtlichkeit, die in jedem noch so gestressten Vater aufkeimt, wenn er dem barbiemordenden Monster, das sein Sohn tagsüber ist, im Schlaf die Haare aus der verschwitzten Stirn streicht...

Leseprobe: "Lassen Sie mich den Neulingen unter Ihnen jedoch das Wunder des Lebens erklären. Folgendes passiert da: Zunächst lungert eines der Eier der Frau im Eierstock herum, schlechtgelaunt und alle Zellen der Nachbarschaft anblaffend. Plötzlich rauschen alle diesen kleinen Spermien herein und suchen überall hektisch nach jemandem, mit dem sie sich vereinigen können. Es ist im Grunde wie auf dem Tanzabend eines Fußballvereines. Nach einer Weile stößt eines von ihnen mit dem Ei zusammen, und plötzlich haben sie das "Wunder der 365 schlaflosen Nächte". Die Zellen fangen an, sich zu teilen und Unterkomitees zu bilden; jedes Kind wird mit einem Hang zum öffentlichen Dienst geboren. Innerhalb von drei Wochen hat es alle Organe entwickelt, die es braucht, um im Supermarkt aus Leibeskräften zu brüllen. Nach zwei Monaten sind alle Teile fertig, die zum Zerlegen des CD-Spielers nötig sind. Nach Ablauf von neuen Monaten ist das Baby ausgeformt. Lassen Sie sich nicht davon beirren, dass es mit seiner roten und runzligen Haut eigentlich mehr einem acht Pfund schweren Affen gleicht. Es mag ja ein runzliger Affe sein, aber es ist ihr runzliger Affe.[...]

Auszug aus dem Kapitel "Das Training beginnt sofort!"
"Manche Paare bereiten sich auf das Kinderkriegen vor, indem sie in Kinderläden gehen, "Eltern" lesen und ihr Haus ausbauen. Das ist der falsche Weg. Zur Elternschaft gehört mehr als das Einrichten eines Kinderzimmers und die Schaffung von mehr Platz. Nachwuchs großziehen kann man wie Bergsteigen oder Karate nicht durch blanke Theorie lernen. Nein, das lernt man nur durch in der Praxis. Wenn aber erst mal die Kleinen herumwuseln, ist es zu spät. Dann sind Sie körperlich, emotional und geistig viel zu ausgelaugt, um in den nächsten fünf Jahren irgend etwas Neues zu lernen. Sie müssen jetzt mit dem Training beginnen! Hier ist ein Zirkeltraining, das von nun an ein fester Bestandteil Ihres Lebens werden sollte; 24 einfache Übungen, die Ihnen bei der Vorbereitung auf Ihr Leben als Vater helfen sollen:[...]

4. Wer Wert auf Ordnung und Sauberkeit legt, sollte sich auf einen Schock gefasst machen: Kinder können manchmal ein ganz klein wenig unordentlich sein. Um das Trauma möglichst gering zu halten, sollten Sie schon jetzt ausprobieren, wie Sie damit zurechtkommen können. Schmieren Sie zunächst Honig auf Ihre Polstergarnitur und Marmelade auf die Vorhänge. Dann verstecken Sie ein Fischstäbchen hinter der Musikanlage, wo es den ganzen Sommer über bleibt. Zum Schluss versenken Sie die Finger in ein Blumenbeet und wischen sie an den Wänden wieder ab. Übermalen Sie die Flecken mit Wachsmalstiften. So. Sieht das nicht hübsch aus? [...]

6. Das Anziehen von Kindern, vor allem von Kleinkindern, ist nicht so einfach, wie es von weitem aussieht. Wenn Sie es zur Perfektion bringen wollen, brauchen Sie einen Tintenfisch und ein Einkaufsnetz. Versuchen Sie, den Tintenfisch in dem Netz unterzubringen, ohne dass einer der Arme heraushängt. Erlaubte Zeit: der ganze Vormittag. [...]

11. Ziehen Sie Schuhe und Mantel an. Dann setzen Sie sich eine halbe Stunde vor die Toilette und wippen ungeduldig mit dem Fuß. Gehen Sie vor die Tür. Kommen Sie wieder herein, Gehen Sie hinaus. Kommen Sie wieder herein. Gehen Sie hinaus. Kommen Sie wieder herein. Gehen Sie bis zum Gartenzaun. Kommen Sie zurück. Gehen Sie wieder bis zum Zaun. Laufen Sie fünf Minuten ganz langsam die Straße entlang. Halten Sie bei jedem Zigarettenstummel, ausgespuckten Kaugummi und toten Insekt an, um es bis ins kleinste zu inspizieren. Nun brüllen Sie wütend, dass Sie jetzt aber endgültig genug haben, bis alle Nachbarn herauskommen und Sie anstarren. Geben Sie auf, und gehen Sie zurück ins Haus. Wiederholen Sie das Ganze zehn Minuten später. Sehr gut. Jetzt sind Sie soweit, ein kleines Kind zum Einkaufen mitzunehmen. [...]

19. Damit Sie sich an den Anblick Ihren Frau gewöhnen können, soll sie ein paar Socken von Ihnen anziehen. Kaufen Sie ihr einen Morgenmantel aus Frottee. Befestigen Sie einen Sitzsack vor dem Bauch, wo er neun Monate bleibt. Nach neun Monaten können Sie etwa zehn Prozent der Füllung entfernen. [...]

21. Höhlen Sie einen Kürbis aus. Schneiden Sie seitlich ein ungefähr golfballgroßes Loch hinein. Hängen Sie den Kürbis mit einem Seil an der Decke auf. Stoßen Sie ihn an, so dass er in einem Zweimeterradius hin- und herschwingt. Nun holen Sie einen Teller mit eingeweichten Cornflakes und versuchen, diese mit einem Löffel in den pendelnden Kürbis zu bugsieren. Man hat bestanden bei einem Treffer auf zehn Versuche. Zwei Treffer sind hervorragend. Machen Sie weiter, bis die Hälfte der Cornflakes weg ist. schütten Sie sich den Rest in den Schoß. Nun sind Sie soweit, ein zwölf Monate altes Baby zu füttern."

 

 
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